Beobachtungen eines arglosen Lesers
                        
und orthodoxe Anmerkung eines Unbelehrbaren

Jedem Menschen wird von Gott aus die Freiheit geschenkt, Ihn zu suchen, dann einmal zu erkennen oder Ihn zu ignorieren.

Um zu einer lebendigen Gotterkenntnis und -erfahrung vorzudringen, - jenseits einer rein abstrakten Denkvorstellung -,  sind vom Menschen bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen.

Fehlt dem Menschen die Bereitschaft, Gott, den Liebeurquell, mit aller Kraft aus ganzem Herzen - erwartungsfroh und unvoreingenommen - zu suchen, bleibt der Gnadenstrom verschlossen, ohne den die Erkenntnis der Ansprache Gottes in Seinem Wort, in einer Offenbarung, nicht möglich ist. Dann bleibt ein Schleier vor dem Heiligen, ... der Vorhang im Tempel zerreißt nicht.

Gottes Offenbarungen sind nicht wohlfeil und huldigen nicht opportun dem jeweiligen Zeitgeist, - sie sind unbotmäßig, - Ärgernis, Verwirrung und teilweise Angst erregend in der Welt, - aber eine unversiegbare Quelle der Erkenntnis, Stärkung und Freude für Menschen, die Gott vorbehaltlos suchten.

Im Folgenden weist ein argloser Leser auf einige nachdenkenswerte Beobachtungen hin.

Tiefe Weisheiten in religiöser Literatur aus Offenbarungstexten beeindrucken zu Zeiten auch Menschen, denen diese Literatur ansonsten wenig mundet. Denn an den kantigen Botschaften mit teilweise bitterem Beigeschmack verschlucken sich solche Menschen leicht, und oftmals sind die Gerichte für ihren geistigen Magen unverdaulich.

Überhaupt schmeckt hier einiges nicht den lieben Gewohnheiten.

Was tun solch irritierte Kostgänger resp. Wahrheitssucher? Einerseits können sie nicht einfach alles verwerfen - dafür sind manche Texte doch zu überzeugend -, und andererseits läßt man sich doch keine Naivität, Leichtgläubigkeit oder Weltferne nachsagen.

Auch ist es solchen Menschen nicht zumutbar, sich einer mahnenden Autorität zu unterstellen, die in solchen Kundgebungen deutlich bemerkbar ist.

Später wittern sie eine Gefahr in einer so orthodoxen, unzeitgemäßen Botschaft aus ungeklärter Quelle, die nicht einzuordnen ist, - für die es noch keine Schublade gibt. Zudem kann der Ärgernis erregende Anteil solcher Offenbarungen, verantwortungsbewußte Erdenbürger nicht untätig lassen.

Ein Dilemma wird deutlich.

Aber bei aller anfänglichen Irritation wird doch bald eine Lösung gefunden, die unbeschwert verkündet wird:

»Die Schriften aus dieser religiösen Literatur können nicht direkt göttlich inspiriert sein, - es handelt sich aber um paranormal gewonnenes Ideengut, - unversehens eingesickert durch die Hintertür der Volksfrömmigkeit.«

Diese Wahrheitssucher sind natürlich konsequent. Nicht einfach nur einzelne Eingebungen sind fraglich, - nein, das ganze Werk kann nicht unmittelbar durch Gottes Geist geoffenbart sein, wird routiniert erklärt.

Es muß deutlich werden, eine solche Erklärung basiert dann auf objektiver Wahrnehmung und wird unterstützt durch weit gespanntes Wissen.

Es spricht zudem für ihre Sachlichkeit und Kenntnis, daß diese Wahrheitssucher durchschauen, woher und woraus die Ich-Erzähler in solcher Literatur ihre omnipotente Gesinnung und unerschütterliche Allwissenheit beziehen.

Unantastbar nüchternes Denken führt rasch zu der Kernaussage:

»Die paranormalen Wortempfänger so genannter Neuoffen-barungen lassen ihren eigenen Gott sprechen.«  oder etwas vielschichtiger  »Diese Wortkünstler glauben zu wissen, wie Gott sprechen würde.«

Weniger aufgeklärte und bewanderte Zeitgenossen können nur staunen ob so viel einsichtiger Durchdringung.

Mit einem derartigen analytischen Ansatz begegnet man solchen paranormalen Dichtern jetzt mindestens auf Augenhöhe, und zukunftsträchtig ist dieser Ansatz zudem, denn damit läßt sich manches weitere Problem lösen.

Es ist sicher auch verdienstvoll, das beunruhigende Geistesgut aus dem arglos direkten Verständnis zu befreien und in eine vergleichendere, distanzierendere und weniger absolute Betrachtungsweise zu erhöhen. Der absolute Wahrheitsanspruch solcher Kundgaben ist nämlich nicht zu verantworten und zu rechtfertigen.

Auf dieser neuen Basis leisten jetzt Fachinspektoren und Religionserklärer ihre unersetzliche Sichtungs- und Kontroll-funktion, - sie entschärfen leicht Entzündbares und wacker wird unbekannt Einzigartiges zu den alten Klamotten entsorgt.

Man fühlt sich der Auseinandersetzung mit den Offenbarungstexten - in Prüfung und Interpretation - gewachsen, da aus den Lebensbezügen der Wortkünstler sich vieles gewöhnlich erklärt.

Natürlich dient auch der ganze Kanon an ideologiefreiem Kulturgut zur Interpretation und Analyse. Die ganze Klaviatur gesicherten Weltwissens steht bereit und verhilft zu einer ungetrübten Gesamtsicht.

So aufgeklärt hat man Verständnis gewonnen für Schreiber solcher Offenbarungen: »Sie sind gleichermaßen zum Opfer und Täter geworden.«

Zwanglos kann und darf spekuliert, relativiert und beachtet werden. Wie gesagt, Zusammenhänge sieht man offensichtlich, - sie wurden sehr schnell deutlich.

Man ist sich bei aller Erkenntniskompetenz bewußt, daß trotzdem Restrisiken bleiben. Sehr tiefgründig weiß man diesen großen Phänomenen religiöser Schriftstellerei aber beizukommen.

Es wird eine »geistige Ebene« entdeckt. Diese Ebene wird als ein »metaphysisches Reich der Ideen« ausgegeben, das als »eine unendliche Quelle überindividueller Inspiration anzusehen ist, und das über die Einzelpersönlichkeit solcher Autoren hinaus geht.« Beeindruckend wie sich jetzt vieles enthüllt.

Diese paranormalen Autoren »schöpfen« einfach aus diesem Ideenreich, und was sie dann erhalten, bespiegelt ihr ganz persönliches Verstehen, d.h. »je nach der menschlichen Disposition werden die entsprechenden Inspirationen empfangen«.

Diese Thesen sind eloquent und hilfreich. Mancher Gutgläubige mag nun vor Verblendung gefeit sein und wieder neu nachdenken.

Alle diese neuen Klugheiten und voran gegangenen Klarstellungen sind zudem mit sozialem Verantwortungsbewußt-sein gepaart.

Es wurden nämlich versteckt destruktive Gefahren erkannt und aus diesem Grunde darauf hingewiesen, daß ein Gefährdungs-potenzial in nicht auszuschließenden Verhaltensauffälligkeiten bei Neuoffenbarungslesern besteht. Neuoffenbarungsleser neigen leider dazu, nicht die nötige Distanz zu den Inhalten ihrer Lektüre einzunehmen.

Vor einem solchem Hintergrund wird die weise Einordnung der Fachleute sichtbar; und der Altruismus solcher Religionserklärer und Inspektoren muß besonders hervorgehoben werden, fühlen sie sich doch mit ihrer ambitionierten Arbeit aufgerufen, die Schriften solcher Offenbarungskünstler vor einer völligen Entwertung zu bewahren.

Soweit diese Beobachtungen, - sicher hat auch der Arglose manches übersehen oder nicht wahrgenommen. Ein Unbelehrbarer muß wieder das letzte Wort haben, er kann sich seine orthodoxe Meinung nicht versagen.

Zukünftige Entwicklungen werden wohl auch hier den Größenwahn aufdecken! Trotz aller ambitionierter Bemühungen wird die völlige Entwertung der neuen Offenbarungen Gottes nie gelingen, … denn diese schützen sich Selbst!

Menschen, denen ein so unbekannter Gott in neuen Offenbarungen so nahe kommt, - ohne daß sie Ihn mit heißem Herzen und kühlem Kopf schon lange suchten -, können natürlich nur höchst befremdet und demgemäß vorsichtig sein angesichts des „alt-neuen“ Geistes. Reflexartig klammern sie sich deshalb lieber an bekannt Altem…

Neue Offenbarungen Gottes sind tatsächlich für nicht vorbereitete Menschen eine Qual.

„Keinen neuen Wein in alte Schläuche... “  - wir haben diese Empfehlung doch schon früher gehört.

„Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren, und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuer Wein gehört in neue Schläuche.“

(Mt 9, 17; Mk 2, 22; Lk 5, 37-39)

 

23. November 2002        Franz-Josef Davids

 

 

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